Matthis Kleeb


Preisträger World Photo 2018

  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0005_Algerien-2-43
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0019_Algerien_-6526
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0003_Algerien_-2-54
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0020_Algerien_6296
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0018_Algerien-4924
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0013_Algerien6609
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0017_Algerien2-37
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0014_Algerien7289
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0011_Algerien_-2-24
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0009_Algerien_-9542
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0010_Algerien_-4391
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0004_Algerien1305
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0015_Algerien_2-33
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0021_Algerien5695
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0007_Algerien_2-34
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0016_Algerien-2-40
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0012_Algerien_6861
  • PhotoMatthisKleeb_GlobetrotterWorldPhoto__0008_Algerien-2-18

Algerien: Gestohlene Heimat

Reportage über die Sahrauis in der Westsahara

Eine Grenzmauer von fast 2500 Kilometern Länge, Landminenfelder riesigen Ausmasses, mehr als 150 000 Vertriebene in fünf Flüchtlingscamps: Seit vier Jahrzehnten leben die Sahrauis als Vertriebene in algerischen Flüchtlingscamps, von der Weltöffentlichkeit nahezu vergessen. Die Hoffnung, dereinst in ihre Heimat zurückzukehren, in den von Marokko annektierten Teil der Westsahara, geben sie trotzdem nicht auf.

Der Konflikt war Mitte der 1970er-Jahre eskaliert, nachdem sich die ehemalige Kolonialmacht Spanien zurückgezogen und sowohl Marokko als auch Mauretanien Ansprüche auf die Westsahara geltend gemacht hatten. Obwohl der Internationale Gerichtshof die Selbstbestimmung des sahrauischen Volkes in einem Gutachten höher gewichtete als allfällige historische Bindungen der Westsahara zu anderen Ländern, scheiterten alle Anläufe, ein Referendum abzuhalten. Stattdessen annektierte Marokko das Gebiet. Der sogenannte Marokkanische Wall wurde errichtet und im angrenzenden Algerien entstanden Flüchtlingscamps. Bis heute sind sie beinahe vollständig von Hilfslieferungen der EU, der UNO und nichtstaatlicher Organisationen abhängig.

Wie leben die Sahrauis in den Flüchtlingscamps? Wie geht es Menschen, die von Nomaden abstammen, wenn sie auf einmal dazu verdammt sind, an einem Ort festzusitzen, einem fremdbestimmten noch dazu? Das waren die Fragen, die Matthis Kleeb umtrieben. Mit seiner Reportage gibt er den Vergessenen ein Gesicht. 

Lesen Sie mehr

Text: Christof Gertsch

Hintergrund «Gestohlene Heimat»

Eine Grenzmauer von fast zweieinhalbtausend Kilometern Länge, Landminenfelder riesigen Ausmasses, mehr als 150 000 Vertriebene in fünf Flüchtlingscamps: Rund vier Jahrzehnte nach dem Ausbruch sind das die deutlichsten Folgen des Westsaharakonflikts. Es ist eine Tragödie, die sich an der Atlantikküste Nordwestafrikas abspielt, auch weil die Weltöffentlichkeit kaum noch Notiz davon nimmt.

Die längste Zeit seines bisherigen Lebens wusste auch Matthis Kleeb so gut wie nichts über die Auseinandersetzung, doch dann hörte er an der Universität Oslo einen Vortrag, gehalten von Mitgliedern eines Vereins, der sich für die Sahrauis  einsetzt, eine maurische Ethnie in der Westsahara. Damals befand er sich kurz vor dem Abschluss seines Soziologiestudiums. Kleeb, geboren 1987 als Sohn einer norwegischen Kindergärtnerin und eines Schweizer Dokumentarfilmers, lebt seit zehn Jahren im Land seiner Mutter. Er war dreizehn, als sein Vater ihm seine erste Kamera schenkte, eine alte Zenit aus Russland, sie hatte ein Schraubenobjektiv und funktionierte noch komplett mechanisch. Kleeb war fasziniert, bald entwickelte er die Bilder in einer vom Götti eingerichteten Dunkelkammer. Seine Eltern hatten sich in London kennengelernt, an einer Filmschule, sie nahm er sich zum Vorbild, als er den Entschluss fasste, Fotojournalist zu werden. Da war er gerade aus dem Gymnasium raus. Darum das Soziologiestudium: Weil ­Matthis Kleeb findet, dass das eine dem anderen gar nicht so unähnlich ist. Wie im Fotojournalismus muss man sich auch in der Soziologie zuerst das Vertrauen der Menschen erarbeiten, ehe man sie studieren kann, zumindest bei qualitativen Untersuchungen. Man muss den Grat schaffen zwischen der Innen- und der Aussenperspektive, muss so nah wie möglich herankommen und die Welt aus der Sicht derer sehen, die man verstehen will – und dann einen Schritt zurück machen. Nach dem Vortrag über die Westsahara spielte Matthis Kleeb mit dem Gedanken, das Thema ins Zentrum seiner Masterarbeit zu stellen. Es kam nicht dazu, er widmete sich den Bootsflüchtlingen auf Sizilien. Doch die Westsahara ging ihm nicht aus dem Kopf.

Der Konflikt war Mitte der 1970er-Jahre eskaliert, nachdem sich die ehemalige Kolonialmacht Spanien zurückgezogen und sowohl Marokko als auch Mauretanien Ansprüche auf die West­sahara geltend gemacht hatten. Obwohl der Internationale Gerichtshof die Selbstbestimmung des sahrauischen Volkes in einem Gutachten höher gewichtete als allfällige historische Bindungen der Westsahara zu anderen Ländern, scheiterten alle Anläufe, ein Referendum abzuhalten. Stattdessen annektierte Marokko das Gebiet und drängte die Truppen der sahrauischen Befreiungsorganisation Polisario ins Landesinnere zurück. Der sogenannte Marokkanische Wall wurde errichtet, und im angrenzenden Algerien, nahe einer Stadt namens Tindouf, entstanden Flüchtlingscamps. Bis heute sind sie beinahe vollständig von Hilfslieferungen der EU, der UNO und nichtstaatlicher Organisationen abhängig. Seit 1991 existiert ein Waffenstillstandsabkommen, zu Scharmützeln kommt es dennoch. Marokko kontrolliert die westlichen zwei Drittel der Westsahara, alle grösseren Städte eingeschlossen, ebenso die wichtigen Phosphatvorkommen. Es ist jenes Gebiet der Westsahara, das die UNO «die letzte Kolonie Afrikas» nennt. Die Demokratische Arabische Republik Sahara, ausgerufen einst von der Polisario, international anerkannt von rund fünfzig Ländern, kontrolliert das Hinterland.

Wie leben die Sahrauis in den Flüchtlingscamps, wohl wissend, dass sie vielleicht nie in das Land zurückkehren können, das sie ihre Heimat nennen? Wie geht es Menschen, die von Nomaden abstammen, wenn sie auf einmal dazu verdammt sind, an einem Ort festzusitzen, einem fremdbestimmten noch dazu? Das waren die Fragen, die Matthis Kleeb umtrieben. Es war sein in der Schweiz lebender Vater, der ihn auf die Idee brachte, sich damit beim Globetrotter-Förderpreis zu bewerben. Kleeb reichte ein Exposé ein, und als er einige Wochen später den Anruf erhielt, dass er einer der Preisträger sei, kam es ihm wie ein Zeichen vor. Eine Nachricht aus der fernen Schweiz, die ihm sagte, dass er sich des Themas endlich annehmen solle.

Im Frühling 2019 reiste er nach Algerien, besuchte während zweier Wochen die Flüchtlingscamps, eskortiert von bewaffneten Polisario-Kämpfern. Er wollte vorgehen, wie er es im Studium gelernt hatte, wollte sich behutsam den Menschen nähern. Er erzählte von sich und seinen Absichten, dann wartete er. Und dann fingen auch die Sahrauis zu erzählen an. Zum Beispiel Maglaha Hamma Ayna, eine Friedensaktivistin, der zu denken gibt, dass laut einer Studie mehr als sechzig Prozent der sahrauischen Jugendlichen Kriegshandlungen gegen Marokko begrüssen. «Die jüngere Generation», sagte sie Matthis Kleeb, «hat den Krieg nicht mehr selbst erlebt und kennt dessen Konsequenzen nicht.» Auch Mohamed Sulaiman teilte ihm seine Geschichte mit, ein Künstler, der Materialien verarbeitet, die andere wegwerfen, um ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu schaffen.

Da war Dahba Khalil, eine Soldatin, die gewillt ist, für die Zukunft ihres Volkes zu kämpfen, und da war Ahmed Salem Bideiha, ein ehemaliger Soldat, der bei einer Landminenexplosion beide Hände verloren hatte.

Matthis Kleeb lernte Hindu Mani kennen, die Geschäftsführerin von «Pizza Saharawi», der einzigen Pizzeria in den Camps. Von ihr war Kleeb besonders beeindruckt. Den Pizzaofen hatte sie sich mit dem Geld gekauft, das sie in einem Kochwettbewerb gewonnen hatte, durchgeführt von einem Schweizer Ehepaar. Heute beschäftigt sie fünf Frauen.

Und auch Taleb Brahim und Tatah Lehbib hörte Kleeb viele Stunden lang zu, zwei Ingenieuren, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das Leben in den Camps besser zu machen. Lehbib hat in Spanien studiert und dort erfahren, wie sich Häuser mit einfachen Mitteln gegen extreme Hitze isolieren lassen: indem man mit Sand gefüllte Plastikflaschen in die Wände baut. Brahim, der in Syrien und der Türkei zur Uni gegangen ist, nach der Ausbildung wie viele Sahrauis aber in sein Camp zurückkehrte, zu seiner Familie, hat ein biologisches Mikrosystem erfunden, ein Minitreibhaus, in dem mit vergleichsweise wenig Wasser mehr als zwanzig verschiedene Gemüsearten angepflanzt werden können. Es ist ein bedeutender Schritt für die Sahrauis, ihre Vorfahren übermittelten ihnen kein landwirtschaftliches Wissen. Und es ist ein wichtiger Beitrag für eine vielseitigere Ernährung.

All das erzählten die Menschen, und erst wenn sie zu Ende geredet hatten, nahm Matthis Kleeb seine Kamera hervor und fragte, ob er sie fotografisch begleiten dürfe. «Am wichtigsten war mir, ihnen respektvoll gegenüberzutreten», sagt er. «Sie sollten wissen, dass ich sie in keinster Weise ausnutzen will.» Matthis Kleeb sagt, er habe die Geschichte eines Volkes erzählen wollen, «das ohne Freiheit lebt», in der Hoffnung, mit seiner Arbeit etwas gegen das öffentliche Vergessen beizutragen.

Zur Person

Kleeb, geboren 1987 in Zürich, studierte Soziologie in Oslo und schrieb seine Masterarbeit über Bootsflüchtlinge im Mittelmeerraum. Er war unter anderem Fotoassistent für den Fotografen Ole Walter Jacobsen und Fotograf bei Universitas, der führenden Studentenzeitung Norwegens. Seit 2017 arbeitet Kleeb als freischaffender Fotograf.  Sein Ziel ist es, die Kombination von Fotografie und Soziologie als Fotojournalist weiterzuentwickeln.

Weitere Preisträger Webseite Matthis Kleeb
Bild_Matthis_Kleeb_WestsaharaDSCF5819

Kontaktieren Sie uns

Unter dieser Nummer erreichen Sie unsere Reiseberater während den Öffnungszeiten der Filialen.

(+41) 0848 000 844

(CH: Festnetz-Tarif, Ausland: internationale Gebühren fallen an)

BESTELLANGABEN

Ihr Warenkorb ist zur Zeit leer.

MERKLISTE